Navarette – Weg der Leiden

Ein Spanier meinte eben zu mir: Die „Flechas samarias“, die gelben Pfeile, brauchen wir gar nicht mehr. Wir koennen einfach dem Geruch des Voltaren Gels nachgehen. Und so ist es auch bei mir. Logrono koennte eine so schoene Stadt sein – wenn meine Oberschenkel nicht waeren. Jetzt kommt wohl der Tribut des Flachlandtirolers – aber nach ueber 200 Kilometer ueber Berge und Taeler? Es muss wohl an den Trennungen liegen. War es nach der Trennung von Paul hinter Pamplona das leichte Herzsausen, sind es jetzt die Oberschenkel. Es ist eine veritable Muskelzerrung im rechten Oberschenkel, die ich mir eigentlich gar nicht richtig erklaeren kann.

Auf einer Steigung vor Logrono merke ich ploetzlich ein leichtes Ziehen im rechten Bein. Am Stand von Doña Felicia Rodriguez Medel, Gott habe sie selig, schlaegt der Schmerz voll zu. Vermutlich habe ich zuviel ueber Hape Kerkeling gelaestert und das wird mir jetzt heimgezahlt. Doña Felicia ist nicht mehr. Das ist die Frau am Stadtrand von Logrono, die Hape von ihrem Enkel aus Minden erzaehlt hat. Ein Messingschild wuerdigt jetzt ihr Wirken vom 3.11.1910 bis zum 20.10.2003. Ihre Tochter, etwas wortkarg, hat den Job uebernommen und drueckt jedem vorbei eilenden Pilger gegen einen kleinen Obulus einen Stempel in den Pilgerpass. „Uletreia e Suseia“ fuer Doñna Felicia.

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Jetzt wird der Stand von Dona Felicia von ihrer Tochter weitergeführt
Ich habe mich in Viana von den dos Hildes trennen muessen. Christhilde hat drei Blasen an ihrem Fuss und Hildegard hat sich aus Solidaritaet eine Magenverstimmung genommen. Nun ist es besser fuer beide, in Viana eine Pause zu machen. Und ich bin wieder allein. Desweiten wohl auch mein Bein. Schade, es war so nett mit den beiden Rheinlaenderinnen. Ich waere gerne noch weiter mit ihnen gegangen. Da hatte Christhilde mit dem Nachnamen einer von mir gern getrunkenen Biersorte ihr 600 Quadratmeter-Haus gegen die Massenunterkuenfte am Camino eingetauscht und jetzt bremsen so ein paar Blasen den Weitermarsch. Aber auch das ist der Camino.

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Eine Erinnerung an Dona Felicia

Nach der Stempelstelle in Logrono muss ich erstmal Gas geben, sonst sind die Farmacias zu. Ich erreiche gerade noch eine und kaufe ein grosse Tube des Schmerzmittels, das eine der wichtigsten Einrichtungen der Pelegrinos ist. Nachdem ich mir die tolle Markthalle in der Stadt angeschaut habe, geht es in den Park. Dort schmiere ich mir die halbe Tube auf die Schenkel. Meine Hand ist bereits sediert, aber der Schenkel schmerzt noch.

Also gehe ich in eine kleine und proppenvolle Bar an der Markthalle. Ich bestelle mir ein Omelett mit Gambas und ein grosses Bier ( alles zusammen 4,50 ). Weil ich so offensichtlich hinke,wird mir ein Stuhl freigemacht. Ich esse und trinke und meine Stimmung hellt sich langsam auf. Vielleicht noch einen Tinto und alles ist wieder gut? Draussen brennt die Sonne – nun schon seit drei Tagen. Das waere eindeutig ein Gegenargument.

Egal – entweder die Schmerzen werden besser, oder ich muss sowieso zum Busbahnhof. Also den Rioja, der ja schliesslich von hier, der Hauptstadt des Rioja kommt. Und es ist ja auch nur ein kleines Glas. Fuer nur 60 Cent erhalte ich das edle Getraenk, das mich nicht enttaeuscht. Gehaltvoll, fruchtig, leichte Tannine und frisch – was will man mehr? Die Stimmung steigt noch mal erheblich. Die Neigung zum Busbahnhof aber auch. Immerhin bin ich 190 Kilometer gelaufen, da kann man doch mal…

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In der Markthalle von Logrono

Schliesslich muessen Pilger ja nur 100 Kilometer nach Santiago laufen und ihre Wuensche werden wahr. Hapes Argumente fuer alternative Verkehrsmittel werden mir mit jedem Schluck plausibler. Aber wir haben Mittwochmittag, den 9. Mai. Da kann man noch was schaffen!

Zunaechst geht es ziemlich oede aus der Grossstadt heraus. Das haette ich mir wirklich auch schenken koennen. Aber egal. Gleich komme ich in ein Naherholungsgebiet. Das kommt auch, die Schmerzen aber auch. Sie werden immer schlimmer. Erst denke ich, es ist Schweiss, der mir aus den Augen laeuft. Ist es aber nicht. Egal, weiter .

Hat mir morgens Karajan den Tag versuesst, ist es jetzt Sting mit seinen altenglischen Lautenliedern. Ich stelle mir die Pilger im 15. Jahrhundert vor, aber es wird nicht leichter. Dann geht es auch noch an der Autobahn vorbei. An dem Zaun zur Autobahn haben Pilger viele Kreuze eingeflochten. Ich flechte auch eins ein, vielleicht hilft das ja gegen die Schmerzen. Tut es aber nicht, sie werden schlimmer. Wann endlich kommt Navarette? Da taucht es am Horizont auf und es ist noch verdammt weit. Und mal wieder runter und hoch in den Ort.

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Tausende von Kreuzen haben Pilger in den Zaun geflochten

Vor Navarette gibt es die Ruine eines alten Pilgerhospitals. Wenn das da noch stuende, wuerde ich mich jetzt da reinlegen, denke ich. Ich lege micht trotzdem rein, um meine Knochen mal zu entlasten. Dazu habe ich schon seit Stunden nichts mehr getrunken. Das Wasser in dem Brunnen in La Graneja war derart gechlort, dass es ungeniessbar ist. Aber mein Wassersack ist jetzt sicherlich keimfrei!

Endlich bin ich in Navarette und erleide den naechsten Schock: Alles ist complet – ausgebucht. Ich gehe zur letzten Herberge im Ort und der Wirt zuckt mit den Schultern. Aber dann zeigt er mit sein letztes Bett. Es ist in der Garage. Das Tor ist nicht ganz unten und ich kann auf die Strasse sehen. Aber bis zum naechsten Ort sind es sieben Kilometer. Also in die Garage, wo schon eine Polin und ein Deutscher untergekommen sind. Der Wirt und seine Tochter Irena sind supernett. Zur Begruessung gibt es einen Rioja vom Haus und Irena klebt mir meinen zerrissenen und vom Regen geschundenen Pilgerpass wieder zusammen. Wir machen ein Foto und ich verspreche ihr, das Foto per Email zu senden. Und ich erzaehle ich von meiner Tochter Grete, die genauso alt ist. Dann geht es zum Duschen und schliesslich zum Tagesabschluss das obligatorische Pilgermenu.

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Beim Pilgermenu in Navarette treffe ich Eduard aus Belgien wieder, den ich in den Pyrenäen kennengelernt habe

Meine Berichte sind aus folgendem Grunde unterschiedlich lang: Manchmal gibt es fuer einen Euro 16 Minuten oder, so wie jetzt, 25 Minuten. Dann ist es genug. Es soll ja nicht in Arbeit ausarten. Spaeter schreibe ich zu Hause (mit deutscher Tastatur) einiges von meinen Erlebnissen dazu. Wer mir etwas schicken moechte: kaldinski@web.de Meine Adresse zuhause wird immer automatisch abgerufen, da kann ich nicht drauf zugreifen! Also: Buen Camino und schoene Gruesse nach Deutschland.

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